Liebe Schwestern und Brüder auf dem Weg des Glaubens, liebe Mitglieder des Veteranen und Soldaten- Kameradschaftsvereins,

Totenmonat November. Da haben wir unsere Erfahrungen. Wir gedenken unserer Verstorbenen.  Allerheiligen. Allerseelen liegen hinter uns. Corona hat in diesem Jahr manches verändert. Aber der Grundgedanke bleibt: Nicht vergessen! In Verbindung bleiben! In den November fällt am vorletzten Sonntag im Kirchenjahr auch der Volkstrauertag. Jedes Jahr wird er auch bei Ihnen in Kutzenhausen begangen. Was in unserem Leben geschieht, was in unserer Welt geschieht, hat auch mit unserem Glauben zu tun. Und so kommt dieser Tag mit seinem Anliegen heute auch in den Sonntagsgottesdienst herein.

Bereits im Jahr 1922, vier Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs hat der damalige Reichstagspräsident Paul Löbe wegweisende Worte gesagt. Er hätte sie auch für heute sagen können.

Leiden zu lindern, Wunden zu heilen, aber auch Tote zu ehren, Verlorene zu beklagen, bedeutet die Abkehr vom Hass, bedeutet die Hinkehr zur Liebe, und unsere Welt hat Liebe not.

Reichstagspräsident Paul Löbe während der Gedenkveranstaltung im Reichstag am Volkstrauertag 1922

1922 – vor 98 Jahren.

Ich bin immer erschrocken, wenn ich in der Tagesschau fast jeden Abend Berichte von Terror, Krieg und Gewalt sehen muss. Die Bilder der Zerstörung aus Syrien aus Afrika. Die Bilder der Menschen in den Flüchtlingslagern in notdürftigen Zelten. Die Kinder mit ihrem fragenden Blick. Die traurigen Erwachsenen. Was hat sich seit 1922 geändert? Ja, mein Eindruck, auch durch die weltweite Berichterstattung: es ist noch schlimmer geworden. Papst Franziskus hat den heutigen Sonntag zum Welttag der Armen erklärt – ein wichtiger Aufruf!

Abkehr vom Hass – Hinkehr zur Liebe. Und unsere Welt hat Liebe not. So der Präsident Löbe 1922. Wie drängend ist dieses Anliegen auch 2020.

Der Volkstrauertag in Kutzenhausen bekommt in diesem Jahr ein besonderes Zeichen. Die Fahne des Veteranen und Soldaten – Kameradschaftsvereins aus dem Jahr 1999 wurde revoviert.

Was bedeutet eine Fahne?

Ursprünglich war sie ein Feldzeichen zur Orientierung im Kampf. Bereits die Ägypter hatten solche Zeichen. Bei den Römern wurden Tücher an Stangen befestigt, oft mit Tierzeichen. Kaiser Konstantin hatte das Feldzeichen mit einem Christuszeichen versehen. Der hl. Michael, der hl. Georg (so auch, wie ich später erfahren habe auf der Fahne in Kutzenhausen) waren andere solcher Zeichen. Spätere Darstellungen zeigen ein Kreuz.

Hinter einer Fahne versammeln sich Menschen. Ihre Fahne gibt Orientierung und zeigt, wer sie sind und was ihnen wichtig ist. Fahnen sind Zeichen der Gemeinschaft. Die Fahne will dieser Gemeinschaft Prägung geben.

So zeigen Menschen Flagge.

Wenn wir heute die Fahne des Veteranen und Soldatenkameradschaftsvereins Kutzenhausen segnen, so gilt dieser Segen vor allem den Menschen, die sich hier zusammengeschlossen haben, um für das Anliegen des Friedens und der Versöhnung in den Jahren nach den Weltkriegen in unserer Zeit einzutreten.

Dem Verein und seinen Mitgliedern sei für diesen wichtigen Dienst in der Dorfgemeinschaft Dank gesagt.

Wenn Menschen heute bei Demonstrationen Fahnen aus der Nazizeit mittragen, zeigen sie, welch Geistes Kind sie sind. Ein Christ kann nicht Nationalsozialist sein hat P. Rupert Mayer gesagt. Dieses Wort lässt sich auch auf heute übertragen. Ein Christ steht ein für Frieden und Versöhnung gegen Hass und Zerstörung.

Liebe Schwestern und Brüder, es gibt bei Ihnen vielleicht noch andere Vereine mit ihrer Fahne. Das wissen Sie besser. Das Grundanliegen ist wie ähnlich.

Und wir alle?

Gibt es für uns als Christen, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, Ältere und Jüngere eine Fahne, hinter der wir alle uns versammeln können? Ja.

Wir alle, liebe Schwestern und Brüder, versammeln uns immer wieder unter der Fahne, die Jesus selbst trägt.

Der Auferstandene trägt sie. Eine Fahne mit einem Kreuz. Zeichen für das Leben, das über den Tod hinausgeht. Die Erneuerung unserer Taufe heute hat uns daran erinnert. Ja, wir sind Kinder des Lichtes. Nicht der Nachte gehören wir uns und der Finsternis, wie wir es in der 2. Lesung gehört haben.

Vielleicht haben Sie ja in Ihrer Kirche eine Darstellung des Auferstandenen mit der Siegesfahne über den Tod.

Unter dieser Fahne versammeln wir uns. Zu Jesus Christus gehören wir. Und wie sich die Mitglieder des Veteranen und Soldatenkameradschaftsvereins um die neue Fahne versammeln, dürfen wir es um die Fahne Jesu als Glaubende. Was die Fahne bedeutet, soll in unserem Leben sichtbar werden. Jesus geht uns voran. Er stärkt uns. Er schenkt neue Gemeinschaft mit ihm und untereinander. Er möchte Frieden und Versöhnung in dieser Welt stiften. Das feiern wir auch an jedem Sonntag.

So möge auch das Leitwort auf dem Kriegerdenkmal hier in Kutzenhausen uns allen über den Volkstrauertag hinaus gelten: In Treue fest. Amen.

Franz-Reinhard Daffner
Domkapitular i.R.

Vereinsfahne
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